Das am 16.12.1982 gegründete Sportmuseum in Köln stellt in einer Ausstellung die politische Seite und das sportliche Ereignis der Olympischen Spiele 1936 einander gegenüber. Dort könnt ihr auch einen Ausschnitt aus Leni Riefenstahls Olympiafilm sehen.

Den folgenden Artikel über einen Besuch im Kölner Sportmuseum stellte uns der Kölner Stadtanzeiger freundlicherweise für die Veröffentlichung im Internet zur Verfügung. Interessant ist auch das dort vermittelte Bild von Carl Diem.


Kölner Stadtanzeiger vom 3.7.2001:

KÖLNER SPORTSACHEN

Instrument Sport

Carl Diems Ideen dienten der NS-Propaganda

Wir stellen Exponate des Deutschen Sport- und Olympiamuseums vor. Es sind Utensilien, die mit Höhepunkten Kölner Sportgeschichte verbunden sind.

Es herrscht beklemmende Stille in dem kleinen Raum. Gräulich-transparente Fahnen hängen von den Decken, und das gedämpfte Licht sorgt für Unbehagen. Hakenkreuze und Fackeln an den Wänden tragen zur Stimmung bei. "Willkommen in der dunkelsten Epoche der Sportgeschichte: den Olympischen Spielen in Berlin 1936", durchdringt die Stimme des Museumsführers im Deutschen Sport- und Olympiamuseum die Stille. Gespannt hören die Besucher dem Vortragenden zu. Er beginnt vom Massenwahn der NS-ldeologie zu erzählen und von der Überhöhung deutschen Heldentums. Auffallend oft fällt der Name Carl Diem.

Wenigen der Besucher ist er ein Begriff. Und die, die von ihm gehört haben, verbinden ihn mit der Deutschen Sporthochschule in Köln. Der Institution, die Diem bis 1962 als Gründungsrektor führte. Doch der Museumsführer erzählt eine andere Geschichte. Er berichtet von Diem als Generalsekretär der Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Einer Zeit, als die Nationalsozialisten versuchten, durch die Spiele der Weltöffentlichkeit Friedfertigkeit vorzugaukeln. Dabei kamen ihnen die Spiele unter dem Hakenkreuz gelegen. Sie durchsetzten den olympischen Gedanken mit Ideologie und instrumentalisierten ihn. Man huldigte den Ariern - und keiner wusste dieses Gedankengut besser in Szene zu setzen als - Diem.

Der Führer des Sportmuseums deutet zu seiner Linken. Dort hängt ein metallener Gegenstand, der in dem abgedunkelten Raum auffallend glänzt. Es ist die olympische Fackel von 1936, verwendet für den olympischen Fackellauf- damals eine Erfindung Diems. Dieser verfolgte mit dem erstmals ausgetragenen Fackellauf das Ziel, die kultischen Wurzeln des Sports aus der Antike in die Moderne zu übertragen. Die Fackel galt als Symbol der Lebenserneuerung. Gleichzeitig stand der Fackellauf aber auch für Diem als Sinnbild einer deutsch-griechischen Seelenverwandtschaft: Die Nationalsozialisten als Wiedergeburt griechischer Kultur -eine Vorstellung, die zuvor Hitler und Goebbels geäußert hatten, die in ihren offiziellen Darstellungen besonders die arischen Wurzeln deutscher und griechischer Kultur betonten und die gleiche Führungsrolle in der neuen Welt beanspruchten, die die Griechen in der Antike eingenommen hatten. Die Botschaft des Fackellaufes war ein großdeutsches Glaubensbekenntnis. Und Diem war der Erfinder.

Heldenhafte Musik durchbricht die Stille. Die Köpfe der Besucher drehen sich nach rechts. Auf der Leinwand sehen sie einen Fackelträger, der durch eine begeisterte griechische Menschenmenge läuft. "Das ist der Olympiafilm von Leni Riefenstahl", erklärt der Museumsführer. Riefenstahl begleitete den Fackellauf mit ihren Kameras bis nach Berlin.

Mehr als 3000 Kilometer

Mehr als 3000 Kilometer legten die 3331 Läufer mit der Fackel zurück. In idealisierender Schönheit bildete Riefenstahl den Fackellauf ab. Friedliche und jubelnde Massen empfingen die Läufer in ihrem Film. Das Bild, das uns Riefenstahl in ihrem "Fest der Schönheit" vor Augen führte - der Fackellauf ein Triumphzug - entsprach aber nicht der Wahrheit. Herausgeschnitten waren die großdeutschen Kundgebungen in Österreich, als die Gendarmen mit Gummiknüppeln gegen die Nationalsozialisten vorgingen. Auch andere Massendemonstrationen fanden keine Berücksichtigung. Vielmehr zeigte der Olympiafilm den Empfang durch 28 000 Hitlerjungen und BDM-Mädchen.

Bevor der Museumsführer den Raum mit den nachdenklichen Besuchern verlässt, erzählt er noch eine Anekdote, so heiter wie ernst: "1994 erwartete man am »Carl-Diem-Weg« das Olympische Feuer, das ins norwegische Lillehammer getragen werden sollte. Zu Ehren des Erfinders sollten im Innenhof der Sporthochschule zwei Staffelläufer in einer Schale das Ehrenfeuer vor dem Bronzerelief Diems entzünden. Es kam zum Eklat. Zwei Studenten kippten einen Eimer Wasser über den Altar, um gegen die kritiklose Verehrung Diems zu protestieren."

Christoph Bertlina